BLOG 08-04-2020

Gründerstory: So geht sentin mit der Corona-Krise um

Foto @andreajanssen

Eigentlich sitzt das Start-up sentin bei uns im ruhr:HUB, doch derzeit befindet sich das gesamte Team im Home Office. Was die aktuelle Corona-Krise für das Start-up bedeutet, vor welchen Herausforderungen sentin jetzt steht und wie das Team damit umgeht, erfährst Du in dieser Gründerstory.

“Den finanziellen Schaden versuchen wir über die Hilfsmaßnahmen von Land und Bund abzufedern. Außerdem spüren wir eine große Solidarität und Hilfsbereitschaft in der ganzen Community.”

Das Team und das Geschäftsmodell

Unser Team setzt sich aus erfahrenen Entwicklern und Ingenieuren zusammen, die auf eine gemeinsame Vergangenheit bei Industriegrößen wie Bosch Rexroth, Airbus Defence and Space oder der Audi AG zurückblicken können. Im Fokus des Unternehmens steht die Fehlererkennung bei visuellen und bildbasierten Kontrollen mit Deep-Learning Algorithmen – überall dort, wo Werkstoffe und Produkte geprüft werden, z.B. bei der Qualitäts- , Waren- oder Sicherheitskontrolle. Dazu vertreiben wir Lizenzen für unsere Software-Produkte: dem sentin EXPLORER – als Werkzeug dort, wo Menschen eine Auswertung am Bildschirm durchführen – und den sentin VISION Lösungen – für den Betrieb in der Produktion mit Kamerasystem.

Die Zielgruppe

Unsere Kunden sind vor allem produzierende Unternehmen, die mit ihren bestehenden Machine Vision Systemen unzufrieden sind und diese upgraden wollen. Aber auch digital prüfende Firmen wie bspw. Dienstleister oder Anlagenbetreiber, die mit Röntgenbildern Schweißnähte oder Wanddicken von Rohren prüfen, sind Nutzer unserer Software.

Die Gründung

Wir haben als Gründerteam bereits viele Jahre in der Industrie zusammengearbeitet. Der Wille, zusammen zu gründen, entstand damals vor der eigentlichen Idee. Ursprünglich haben wir uns ein Wochenende lang eingeschlossen und gebrainstormt – das war Ende 2017. Wir haben es als extremen Glücksfall gesehen, dass wir uns in dieser Konstellation kennengelernt haben, da wir uns mit den verschiedensten Kompetenzen über Datascience bis hin zum Vertrieb perfekt ergänzen. Die Chance wollten wir nutzen und unseren Traum von der Selbstständigkeit in die Tat um setzen.

Die Herausforderungen

In einem anderen Interview haben wir mal gesagt: „Herausforderungen gibt es viele, manche unterschätzt man und andere überschätzt man. Die bisher größten Herausforderungen waren wahrscheinlich leider bürokratischer oder finanzieller Natur. Anfangs haben uns viele Leute gewarnt, dass die Software-Entwicklung besonders kompliziert werden könnte oder die nötige Abstraktion nicht möglich wäre. Das hat sich nicht unbedingt bewahrheitet. Dafür waren irgendwelche Formulare oder das Warten auf die Umsatzsteuer-ID besonders nervig und haben viel Zeit gekostet. Obwohl es aktuell viele Initiativen gibt, um Deutschland noch gründerfreundlicher zu machen, könnten einige Dinge noch schneller und vor allem ohne zehn Telefonate geregelt werden.“ Das ist schon ein bisschen her. Ein wenig hat sich die Lage gebessert, aber es gibt immer noch viele bürokratische Hürden.

Die Finanzierung

Zunächst haben wir neben unserer Hauptbeschäftigung abends und am Wochenende an unserer Geschäftsidee gearbeitet. Dann kamen Businessplan-Wettbewerbe, wie der Senkrechtstarter in Bochum. Danach haben wir das EFRE Förderprogramm START-UP TRANSFER.NRW für ein Jahr durchlaufen. Im Anschluss haben wir uns über Kundenumsätze und das Anschlussprogramm der NRW.BANK finanziert.

Die nächsten Ziele

Wir wollen noch mehr Nutzer für unsere Erkennungssoftware gewinnen und unsere Produkte weiter verbessern. Außerdem haben wir vor kurzem unsere massentaugliche Demo-Version des sentin EXPLORERs veröffentlicht, die wir weiter verbreiten wollen. Aktuell wollen wir vor allem eine größere Bekanntheit aufbauen, um uns als Standard-System zu etablieren. Was das Thema Produktion und sentin VISION angeht, arbeiten wir aktuell an weiteren Erkennungsmodellen. Allerdings sehen wir, dass die Unternehmen durch die Corona-Krise eher mit sich selbst beschäftigt sind und Innovation ein bisschen in den Hintergrund rückt.

Die aktuelle Corona-Krise

Wir sind alle sehr früh ins Home-Office gezogen, sowohl unsere Mitarbeiter als auch wir Gründer. Auch, wenn wir den ruhr:HUB sehr schätzen, fanden wir es zu riskant sich morgens bspw. in die volle Bahn zu begeben und sich und andere zu gefährden. Das Home-Office fällt uns als Software-Unternehmen einfacher als anderen, sodass wir unsere Arbeit gut von zuhause weiterführen können. Um Lagerkoller zu vermeiden, lockern wir das Ganze mit kleinen Online-Spielrunden und der virtuellen Kaffeepause vor der Webcam auf.

Wir merken jedoch, dass sehr viele Kundentermine und Gespräche abgesagt oder verschoben werden. Daher konzentrieren wir uns eher auf die Defensive. Das heißt Produktentwicklung und Bekanntheit steigern – wir sind aber natürlich weiterhin für alle Kunden und Partner erreichbar. Den finanziellen Schaden versuchen wir über die Hilfsmaßnahmen von Land und Bund abzufedern. Außerdem spüren wir eine große Solidarität und Hilfsbereitschaft in der ganzen Community. Im Gründerstammtisch Bochum werden bspw. Links und Informationen geteilt. Privat bleiben wir alle so viel wie möglich zuhause und schauen, wie wir andere unterstützen können. Außerdem sind wir allen Helferinnen und Helfern dankbar sowie allen Menschen, die dafür sorgen, dass es halbwegs normal weitergeht.

Im Freundes- und Familienkreis unseres Teams sind HelferInnen und ÄrzteIinnen vertreten, wodurch uns die Information über die aktuelle Knappheit der Ausrüstung für medizinisches Personal schnell erreicht hat. Dies und die generelle Motivation, die Corona-Pandemie zu bekämpfen, spornt uns an zu helfen. Da wird gut in der Maker-Szene vernetzt sind, sind wir relativ schnell auf die Aktion #MakerVsVirus gestoßen. Hierbei geht es u.a. um die Bereitstellung von technischem Equipment (z.B. 3D-Drucker, Lasercutter etc.), um zusätzliche Gesichtsschutzschilder & Atemschutzmasken herzustellen (https://www.makervsvirus.org). Für uns war direkt klar: Da machen wir mit!

Die Produktion der Gesichtsschutzschilder ist bereits am Laufen. Insgesamt besitzen wir 4 3D-Drucker im Team, die im Durschnitt 2,5h für ein Shield brauchen. Dafür kann man Open Source fertige 3D-Modelle aus dem Internet ziehen und als Druckvorlage nutzen. Da wir im Team technisch affin sind, haben wir natürlich geschaut, was optimiert werden kann und konnten direkt kleine Feinjustierungen vornehmen.

Bei den Atemschutzmasken ist es etwas schwieriger. Hierbei muss zunächst geprüft werden, ob und wie gut eine gedruckte Maske zum Schutz beitragen kann. Bisher gibt es da noch keine “Guideline”, die festlegt, welches Filament sich am ehesten für eine Atemschutzmaske eignet. Aber wir entwerfen aktuell verschiedene Prototypen, die vielversprechend sind. Unser Ziel ist, sobald wie möglich, die Shields und Masken kostenneutral an die medizinischen Einrichtungen verteilen zu können.

“Die größte Hürde ist derzeit der Engpass in der Beschaffung der notwendigen Materialien. Außerdem sind die in Eigenregie hergestellten Teile nicht zertifiziert. Wir möchten sowohl alle Maker, als auch unsere Abnehmer, sehr deutlich auf die möglichen Gefahren hinweisen, die mit selbst hergestellten Produkten einhergehen!”

Unsere Tipps an Gründer und Gründungsinteressierte

Die Zeiten sind aktuell hart für Gründer und Selbstständige, aber auch für viele andere. Ich kann jedem raten, sich auf jeden Fall über die Gründernetzwerke auf dem Laufenden zu halten, was Hilfs- und Fördermittel angeht. Uns hat es damals viel geholfen, zu netzwerken und es hilft jetzt auch noch. Für alle, die noch nicht soweit sind: wenn es irgendwie geht: „einfach mal machen“. Vielleicht hat man jetzt im Homeoffice abends mal eine Stunde, in der man an der Gründungsidee arbeiten kann. Viele reden oft vom Traum selbstständig zu sein, aber sind sich unsicher wie man zu starten hat und tun es deshalb einfach nicht. Und wenn es nur das Einlesen in Themen wie das Business-Model-Canvas oder Lean Startup ist. Also die Zeit sinnvoll nutzen – aber auch nach links und rechts schauen sowohl auf Business-Ebene als auch gesellschaftlich.

Alle Personen, die im Besitz eines Laser-Cutters, eines 3D-Druckers, oder von wichtigen Materialen wie Filterelemente oder Visierfolie sind, können helfen! Auch Leute, die bei der Organisation und der Verteilung helfen wollen, können unterstützen. Dazu muss man sich einfach bei Makervsvirus anmelden.

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Wir danken sentin für den Einblick in Ihre Gründerstory und die aktuelle Lage und wünschen Euch für die Zukunft alles Beste und viel Erfolg für die weitere Geschäftsentwicklung!

Du möchtest mehr zu dem Start-up erfahren? Dann wirf doch nen Blick auf deren Website: https://sentin.ai

Euer #teamruhr